Fußball: 1981 schafft Westfalia Osterwick erstmals den Bezirksliga-Aufstieg

Allgemeine Zeitung von Frank Wittenberg Osterwick. Gewöhnlich kann jeder, nicht aber diese Mannschaft. Wenn schon Meister, dann bitteschön dramatisch, außergewöhnlich, spektakulär. „Unvergessen“, benötigt Werner Isfort nur ein Wort, um das zusammenzufassen, was er im Juni 1981 mit seinen Teamkollegen von Westfalia Osterwick hingelegt hat: Der erste Bezirksliga-Aufstieg in der damals 58-jährigen Vereinsgeschichte war erst nach zwei Entscheidungsspielen vor riesiger Zuschauerkulisse perfekt – und ein ganzes Dorf stand kopf.

"Es hieß vorher, Karl-Heinz Reimann könne ein ganzes Spiel entscheiden. Und das war auch so."

Werner Isfort über den damaligen Westfalia Spielertrainer

Ein Erfolg, der auf die spielerische Klasse zurückzuführen ist, aber nicht nur. „Das war im wahrsten Sinne eine echte Mannschaft“, schwärmt Jürgen van Deenen noch heute von der Zusammensetzung des Kaders. Eine tolle Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern – und vor allem aus Typen, die in jeder Situation zusammenstehen. „Ich war nie der Dotz, sondern ein Teil der Mannschaft“, erinnert sich der damals 20-Jährige, der am dritten Spieltag erstmals zwischen die Pfosten rückt, weil sich Torwart Heinz „Jumbo“ Wolters beim 0:4 in Lette einen Platzverweis eingefangen hat. Van Deenen macht seine Sache gut, auch weil er als Youngster das volle Vertrauen der Etablierten genießt: „Selbst wenn mal ein Fehler passiert ist, kaum sofort der Trost von den Kollegen.“

"Das war eine Mannschaft mit echten Typen und Persönlichkeiten"

Torwart Jürgen van Deenen über die Meister von 1981

Ein Platz unter den ersten Vier ist das Ziel, als es im August 1980 nach einem eher enttäuschenden siebten Rang in der Vorsaison in die neue Spielzeit geht. Der Optimismus in Osterwick gründet nicht zuletzt auf einem Neuzugang: Karl-Heinz Reimann, der als Spielertrainer zur Westfalia kommt und Ernst Schütte nach vier Jahren ablöst. „Reimann sollte den Kick bringen“, erzählt Werner Isfort, damals nicht nur Kapitän der Mannschaft, sondern auch im Vorstand tätig. Die Verpflichtung des damals 32-Jährigen, der zuvor 14 Jahre bei Emsdetten 05 in der Amateur-Oberliga gespielt hatte, bringt tatsächlich den erhofften Schub – weil er menschlich nach Osterwick passt, vor allem aber auf dem Feld den Unterschied macht. „Direkt im ersten Spiel hat er bei einem Freistoß fast von der Eckfahne laut über den Platz gerufen, dass sich Bernhard Soethe am langen Pfosten platzieren soll“, erinnert sich Isfort. Alle Augen des Gegners richten sich auf den Westfalia-Sturmtank – „und Reimann schießt den Ball einfach ins kurze Eck.“ Ein Glücksgriff für den Verein, sagt auch Jürgen van Deenen. Reimann in Kombination mit Betreuer Wolfgang Kauling, das sei schon eine besondere Zeit gewesen: „Mit Zuckerbrot und Peitsche.“

Trotzdem: Das Startprogramm hat es in sich. 3:3 gegen ESV Coesfeld, 0:4 bei Vorwärts Lette, 1:1 bei Raspo Coesfeld – nach drei Spieltagen stehen nur zwei Punkte auf dem Konto der Westfalia. Dann gelingt mit 5:1 gegen TSG Dülmen II der erste Erfolg. Vier weitere Siege folgen, und am neunten Spieltag übernehmen die Osterwicker nach einem 2:2 bei Adler Buldern wegen der besseren Tordifferenz erstmals die Tabellenführung. Die müssen sie zwischenzeitlich noch einmal abgeben, aber nach dem 2:1 beim VfL Billerbeck drei Tage vor Weihnachten vor 400 Zuschauern steht das Team als „Herbstmeister“ fest.

In der Rückrunde entwickelt sich an der Spitze ein Zweikampf zwischen der Westfalia und dem ASC Schöppingen II, der am fünftletzten Spieltag entschieden zu sein scheint, als die Westfalia den ASC durch Tore von Dieter van Deenen und Bernhard Soethe mit 2:1 bezwingt. Zwei Wochen später ist aber alles wieder offen, denn der Tabellenführer stolpert völlig überraschend auf eigenem Platz mit 2:3 gegen Kellerkind SW Beerlage. „Damit waren wir wieder punktgleich“, sagt Jürgen van Deenen. So bleibt es zwischen den beiden Kontrahenten auch am letzten Spieltag mit dem 2:0 der Westfalia gegen VfL Billerbeck und dem 2:1-Sieg der Schöppinger in Hausdülmen.

Zwei Entscheidungsspiele und insgesamt 210 Extra-Minuten müssen folgen, bis die Osterwicker erstmals als Bezirksliga-Aufsteiger feststehen (weiterer Bericht). „Das hat mir und meinen Teamkollegen sehr viel bedeutet“, lächelt Werner Isfort. Ein Kunststück übrigens, das Jürgen van Deenen exakt 20 Jahre später wiederholt: Weil sich Keeper Andreas Ueding verletzt, stellt er sich in der Saison 2000/01 im zarten Alter von 40 Jahren noch einmal zwischen die Pfosten und trägt dazu bei, dass die Mannschaft von Marco Jedlicka die Rückkehr in die Bezirksliga schafft – „das war noch einmal ein besonderes Erlebnis.“

Mit vollem Einsatz: Westfalia-Kapitän Werner Isfort (Mitte) wird im Entscheidungsspiel von zwei Schöppingern gestoppt - am Ende setzten sich die Osterwicker aber mit 2:1 durch.

"Karl-Heinz Reimann hat aus einer als unbeständig, phlegmatisch und unausgeglichen geltenden Truppe eine Mannschaft geformt"

So wird in der AZ vom 11. Juni 1981 über den Spielertrainer und Westfalia Osterwick berichtet

Reimann-Doppelpack lässt Dämme brechen

Fußball: Erst im zweiten Entscheidungsspiel darf Westfalia jubeln

Allgemeine Zeitung OSTERWICK (fw). 1800 Zuschauer sind es an diesem Abend auf der Anlage des Rasensport, als sich Westfalia Osterwick und der ASC Schöppingen II zum Entscheidungsspiel um den Bezirksliga-Aufstieg gegenüberstehen. Überlegen tritt die Mannschaft von Karl-Heinz Reimann auf, findet jedoch immer wieder ihren Meister in ASC-Keeper Heßling. So braucht es in der 52. Minute eine Standardsituation zur Führung: Reimann zirkelt einen Freistoß auf den Fuß von Bernhard Soethe, der zum 1:0 trifft. Mit einem Sonntagsschuss aus 30 Metern gelingt Bogenstahl in der 65. Minute der Ausgleich - keine Chance für Jürgen van Deenen.

Dabei blieb es auch in der Verlängerung. „Die Westfalia-Spieler hatten vor allem durch das ungewohnte Tackling der Schöppinger zu leiden", heißt es im AZ-Bericht von Sportredakteur Karl-Heinz Boy. „Es gab beim Schlusspfiff keinen einzigen Osterwicker Spieler, der nicht humpelte."

Also stehen sich beide Mannschaften eine Woche später an gleicher Stätte erneut gegenüber - diesmal sogar vor 2300 Zuschauern. „Das war unglaublich, vor so einer Kulisse zu spielen", zeigt sich Jürgen van Deenen noch heute beeindruckt. Ohne Vorstopper Heinz Kersting, der zuvor kein Spiel verpasst hatte und wegen eines Bänderrisses passen muss, fangen sich die Osterwicker in der 59. Minute das 0:1 durch Jose Bastos. Nach 65 Minuten nutzt Karl-Heinz Reimann einen Handelfmeter zum Ausgleich. Und als alles mit einer erneuten Verlängerung rechnet, ist wieder der Spielertrainer zur Stelle: In der 86. Minute drischt er einen Freistoß an der Mauer vorbei zum 2:1 ins Netz - die Westfalia ist Bezirksligist!

In der höheren Liga etablieren sich die Osterwicker. Dem Aufsteiger gelingt zwar in der Saison 1981/82 erst am letzten Spieltag mit dem 4:0-Sieg gegen Vorwärts Wettringen der Klassenerhalt, danach lässt das Reimann-Team aber die Plätze sieben und zehn folgen. Der Meistermacher übergibt zur Saison 1984/85 an Peter Lörwink - und kehrt schon am sechsten Spieltag zurück, um seinen glücklosen Nachfolger abzulösen. Nach Platz sieben in dieser Spielzeit benötigt es 1985/86 erneut einen Sieg am letzten Spieltag, um den Klassenerhalt zu sichern. Damit endet die Ära Reimann in Osterwick. 

Unter den Spielertrainern Matthias Watermann (8. Platz 1986/87) und Karl-Heinz Peiler (12. Platz 1987/88, 5. Platz 1988/89) kommt Rainer Urban - und schafft in der Saison 1990/91 die nächste Westfalia-Sensation: Exakt zehn Jahre nach dem Bezirksliga-Aufstieg geht es sogar rauf in die Landesliga.

Mächtig was los auf dem Rasensport-Gelände: Über 2000 Zuschauer verfolgten das zweite Entscheidungsspiel zwischen Westfalia Osterwick und dem ASC Schöppingen II.