Mit vielen jungen Wilden und einigen Häuptlingen will Engin Yavuzaslan in der Spitzengruppe der Kreisliga A mitmischen

Allgemeine Zeitung -fw- Osterwick. Lamentieren ist nicht sein Ding. Dabei hätte er allen Grund dazu: erst Niklas Segbers weg, jetzt auch noch Pascal Leipelt. Zwei Top-Torjäger, die jahrelang im Westfalia-Trikot Angst und Schrecken verbreitet haben. „Uns ist eine Riesenqualität verloren gegangen, aber wir brauchen nicht trauern und nach Ausreden suchen.“ Engin Yavuzaslan packt es an. Er setzt auf seine jungen Wilden – auf seine „Rohdiamanten“, die er schleifen und formen will, damit sie für Westfalia Osterwick zu echten Schmuckstücken werden.

Über die Eigengewächse freut er sich riesig, aber allein mit ihnen funktioniert es nicht. Es ist das Prinzip der Indianer und Häuptlinge, das der Trainer gerne bemüht: „Wir brauchen auch die Leute, bei denen ich die Messlatte höher legen kann.“ Einen Timo Mevenkamp oder Tobias Paschert zum Beispiel, auch einen Tobias Lanfers oder Benny Raabe. Gestandene Kicker, die den Youngsters den Weg weisen. „Die jungen Wilden laufen im Spiel 15 Kilometer“, lächelt Yavuzaslan. „Aber davon sind vielleicht 14 Kilometer verkehrt.“

"Wir wollen oben mitmischen. Aber die Konkurrenz ist sehr groß, allen voran VfL Billerbeck, SG Coesfeld 06 und SW Holtwick."
Engin Yavuzaslan

Sie brauchen die Ansagen. Und sie bekommen das nötige Verständnis, wenn sie mal an einen Entwicklungsstop geraten. „Aus dem Loch müssen wir sie dann holen“, sagt der Trainer mit Blick auf Typen wie Luis Lammers, Lars Knipper, Jan Kröger oder Nils Borgert. „Die dürfen und müssen Fehler machen, um daraus zu lernen.“

Das ist der Weg in Osterwick, wo sie anders als früher darauf verzichten, gestandene Kicker aus dem „Pott“ zu holen. „Wir brauchen Typen, die sich mit dem Verein identifizieren“, setzt Engin Yavuzaslan auf Herzblut statt auf Kohle. Einen einzigen externen Neuzugang bauen sie ein in Osterwick: Florian Richters, der vom SuS Hochmoor kommt. „Mein absoluter Wunschspieler, der perfekt in mein offensives System passt“, schwärmt der Trainer. „Und Flo ist ein top Typ.“

Häuptling unter jungen Wilden: Auf die Erfahrung und Klasse von Timo Mevenkamp (rechts) setzen sie bei der Westfalia. Fotos: Frank Wittenberg

Von der Konkurrenz bekommen sie einmal mehr die Favoritenrolle in die Schuhe geschoben. Dagegen kann und will sich Engin Yavuzaslan nicht wehren, aber er geht deutlich gelassener damit um. Vor einem Jahr, direkt nach dem Abstieg aus der Bezirksliga, wollten sie es unbedingt biegen. „Das hat zu viel Druck erzeugt“, weiß er. „Wir waren noch nicht abgezockt genug.“ Am Ende hat ein magerer Punkt gefehlt auf Meister Adler Buldern. Und auch diesmal sieht der 36-Jährige, der im Management der Evonik AG in Marl tätig ist, sein Team nicht mit Siebenmeilenstiefeln den Kontrahenten enteilen. Natürlich wollen sie weit oben mitspielen. „Aber die Konkurrenz ist groß“, betont er und listet den VfL Billerbeck, die SG Coesfeld 06 und SW Holtwick auf. Und auch dahinter gehe es eng zu. „Diese Liga ist extrem ausgeglichen“, sagt der Routinier, der trotz aller Erfahrung vor jedem Spiel das Kribbeln im Bauch spürt. Ein Freund des Fußballs, der der den Gegner von der ersten Minute an dominiert, sei er – aber immer mit einem Riesenrespekt: „Guck dir zum Beispiel SV Gescher II an, die fand ich in der vergangenen Saison fußballerisch sehr stark.“

Wohin die Reise geht, das werden sie wahrscheinlich schon am Abend des 10. September wissen. Denn das Auftaktprogramm der ersten fünf Spieltage liest sich wie das „Who is Who“ des Titelkampfes: in Billerbeck, gegen SuS Legden, bei SW Holtwick, gegen SG Coesfeld 06, dann beim Bezirksliga-Absteiger SuS Olfen. Wo manche Trainer Schweiß auf der Stirn bekommen mögen, würde Engin Yavuzaslan gerne einen Blumenstrauß an Staffelleiter Horst Dastig schicken. „Das Programm ist ein Hammer, aber wir nehmen es mit Kusshand an“, versichert er. Die Konzentration gleich hochfahren und direkt wissen, was Sache ist – der Westfalia-Trainer liebt es: „Das wird ein Kraftakt, aber ich freue mich riesig darauf.“

Ob es am Ende Platz eins wird oder vielleicht doch „nur“ Rang vier – abwarten. „Lassen wir uns überraschen“, lächelt der Trainer. Im Vordergrund steht sowieso, die Häuptlinge zu stärken und die Rohdiamanten zu schleifen. Das Team will er dahin bringen, es auch ohne ihn auf dem Rasen zu stemmen. Wobei Engin Yavuzaslan vo der Rente so weit entfernt ist wie sein VfL Bochum von der deutschen Meisterschaft: „Ich bin zwar 36, aber auf dem Platz fühle ich mich wie 20.“ 7 Nächste Folge am Samstag: über die Mannschaft, die sich nach einer extrem schwierigen Saison erneut durchbeißen muss.